Eine Pianistin mit Hingabe und Perfektion

Harzkurier, Herma Niemann, Fotografie © Herma Niemann

HERZBERG. Die unsichere Wetterlage am vergangenen Sonntag konnte viele Besucher nicht davon abhalten, das Klavierkonzert mit Gerlint Böttcher im Rittersaal des Welfenschlosses zu besuchen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Die Gäste erwartete ein stilvoller Abend mit hohem Anspruch und einer wahren Virtuosin am Klavier. Die Pianistin Gerlint Böttcher sorgte mit ihrem außergewöhnlichen Talent für ein großartiges Klavierkonzert mit Stücken aus dem 18. und 19. Jahrhundert und brachte einen Hauch Glamour nach Herzberg. Zum Auftakt spielte die Künstlerin drei Rhapsodien aus op. 1 von Jan Vaclav Vorisek, einem fast vergessenen böhmischen Komponisten, und verschmolz dabei von Anfang an mit der romantischen Musik. Böttcher war hochkonzentriert und zog das Publikum mit ihrer Lust zur Perfektion in ihren Bann. Dabei war ihr die Ernsthaftigkeit und ihr hoher Anspruch an sich selbst bei jeder Bewegung anzusehen. Zu Franz Liszts Konzertetüde in Des-Dur konnten die Zuhörer wechselweise sensible Momente und wiederum festen Tastenanschlag spüren und das ausgereifte Fingerspiel der Pianistin genießen. Böttcher, die seit ihrem fünftem Lebensjahr Klavier spielt, war ganz in ihrem Element und beherrschte den Flügel wie wohl kaum eine andere. Die kühle und konzentrierte Ausstrahlung während ihrer gelungenen Interpretationen betonte ihre Professionalität und vollkommene Hingabe an die klassische Musik. Nach der Pause wurde das Publikum mit viel Abwechslungsreichtum verwöhnt. Sehr feinfühlig spielte sie
Mozarts Variationen über „Ah! Vous dirais – je, Maman“ in C-Dur, den meisten wohl gut bekannt als Weihnachtsmannlied. Höchste Präzision, Intensität, aber auch Emotionalität waren in jedem Ton zu spüren. Gerlint Böttcher ließ ihre eigene Persönlichkeit gekonnt in jede ihrer Darbietung einfließen, und trotzdem gelang es ihr, den Stücken ihren Ursprung zu lassen. Weiterer Glanzpunkt im zweiten Teil des Abends war der Choral „Jesus bleibt meine Freude“ von Johann Sebastian Bach. Die bekannte und wunderbar wohlige Melodie erzeugte eine angenehm andächtige Stimmung im Rittersaal. Sehnsüchtig, hoffnungsvoll und leicht kam das Stück „Claire de Lune“ aus der „Suite bergamasque“
von Claude Debussy daher. Gerade bei diesem Werk konnte die Pianistin mit Leichtigkeit und gleichzeitiger Seriosität überzeugen und ihre
atemberaubende Technik am Klavier präsentieren, was oft auch vollen Körpereinsatz der Künstlerin abverlangte. Krönender Abschluss des Konzerts war das Stück „Variations serieuses“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, bei dem gerade die dynamischen Passagen sehr direkt und
wuchtig herausgearbeitet waren. Das Publikum war begeistert und zeigte dies durch fast endlos andauernden Beifall. Zur Freude vieler Zuhörer
spielte sie gleich zwei Zugaben: „Humoreske“ von Rodion Schtschedrin und die Klaviersonate Nr. 2, 2. Satz von Sergej Prokofjiew. So ging ein hochkarätiger Abend mit einer glanzvollen solistischen Leistung der Künstlerin Gerlint Böttcher zu Ende, die mit ihrer Ausstrahlung und ihrem Können zwei Stunden lang für einen klassischen Hochgenuss im Rittersaal gesorgt hatte. hn
Schlosskonzerte: Gerlint Böttcher spielte Variationen bekannter Klassiker